Was gegen Ohnmacht im Amt hilft

Ohnmacht im öffentlichen Dienst ist real. Warum das System selten der eigentliche Bremsklotz ist und wo der Hebel für Weiterentwicklung liegt.

Luisa Welink
Community Managerin
Leitfaden
21.8.2026
|
5
Min

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Key Takeaways

  1. Das Gefühl von Ohnmacht im öffentlichen Dienst ist keine Einbildung. Ein Behördensystem lässt sich mit zwei, drei guten Ideen nicht umbauen, und an dieser Erkenntnis zerreiben sich viele.
  2. Der Hebel liegt im inneren Spiel: Denkmuster, Gewohnheiten und die Verantwortung für das, was in dir passiert. Dafür brauchst du niemandes Genehmigung.
  3. Weiterentwicklung scheitert seltener am Amt als am Preis. Zeit, Zugehörigkeit, Status und Selbstbild kosten. Bleiben kostet auch, nur in kleinen Raten.

Wer das sagt und warum das zählt

Boris Burchards ist Performance Coach und Mentaltrainer. Er arbeitet mit Berufssportlerinnen und Berufssportlern an der Frage, wie Leistung aus dem Training in den Wettkampf kommt, und er ist Lehrer. Bei Vor Neun war er zu Gast bei Peter Gneuss und hat über etwas gesprochen, das Behördenmenschen und Kaderathletinnen teilen: das Gefühl, gegen ein System zu arbeiten, das sich nicht bewegt.

"Das macht mich nicht wütend, ich bin gerade wütend." Boris Burchards

Warum entsteht Ohnmacht im öffentlichen Dienst?

Ohnmacht im öffentlichen Dienst entsteht, wenn du Teil eines riesigen Systems bist und sehr wenig Macht hast, das große Ganze zu verändern. Boris Burchards beschreibt, dass daraus mit der Zeit eine Erzählung wird: Die Welt ist gegen mich, ich kann hier nichts machen. Diese Haltung belastet extrem, weil sie das Gefühl verstärkt, keinen anderen Weg zu haben.

Das trifft nicht nur die, die seit dreißig Jahren dabei sind. Quereinsteigende berichten dasselbe, oft schon nach wenigen Monaten: Ich will hier etwas verändern, aber es ist so schwierig, und ich komme nicht weiter.

Der erste Schritt ist unbequem. Er besteht darin, anzuerkennen, dass diese Wahrnehmung stimmt. Manche Strukturen sind tatsächlich zu groß, um sie mit einem gut formulierten Vorschlag zu bewegen. Wer weiter darauf wartet, dass sich das Außen ändert, wartet lange.

Was ist das innere Spiel?

Das innere Spiel ist die Arbeit an den eigenen Denkmustern und Gewohnheiten, im Unterschied zur Arbeit an den äußeren Umständen. Der Begriff stammt aus dem Mentaltraining im Tennis. Boris Burchards überträgt ihn auf den Behördenalltag: Für alles, was in dir passiert, trägst du die volle Verantwortung, wenn du sie annimmst.

Praktisch ist das ein Wechsel in der Formulierung, der mehr verändert, als er aussieht. Statt "das macht mich wütend" heißt es "ich bin gerade wütend". Der erste Satz macht dich zum Objekt einer Behörde, einer Vorgesetzten, einer Entscheidung. Der zweite gibt dir die Handlungsfähigkeit zurück, ohne dass sich an der Entscheidung selbst etwas geändert hätte.

Das Innere ist der Bereich, in dem du keine Freigabe brauchst, kein Haushaltsmittel und keine Zustimmung der Amtsleitung.

Warum du dich mehr veränderst, als du glaubst

Menschen unterschätzen systematisch, wie sehr sie sich noch verändern werden. Boris Burchards nennt das die Endstationsillusion. Sie beschreibt den Denkfehler, das Jetzt für den Endzustand zu halten: Rückblickend habe ich mich stark entwickelt, ab hier bleibe ich, wie ich bin.

Die Studie dahinter stammt von Jordi Quoidbach, Daniel Gilbert und Timothy Wilson, erschienen 2013 in der Fachzeitschrift Science. Über 19.000 Menschen zwischen 18 und 68 Jahren wurden befragt, wie sehr sie sich in den vergangenen zehn Jahren verändert haben und wie sehr sie das für die kommenden zehn Jahre erwarten. Das Muster war über alle Altersgruppen hinweg gleich: viel Veränderung im Rückblick, wenig Erwartung nach vorn.

Für dich heißt das: Die Entwicklung kommt sowieso. Die einzige offene Frage ist, ob du sie gestaltest oder ob sie mit dir passiert. Wer sich diese Wahrscheinlichkeit klarmacht, plant anders, ob es um einen Wechsel in eine Führungsrolle in der Verwaltung geht oder um den nächsten Schritt nach der Laufbahnverordnung.

Was Weiterentwicklung wirklich kostet

Veränderung hat einen Preis, und der wird in mehreren Währungen bezahlt. Wer den Preis kennt, kommt aus der Hilflosigkeit heraus, weil aus einem "geht nicht" eine Entscheidung wird.

Zeit ist die harmloseste Währung. "Dafür habe ich keine Zeit" ist in den meisten Fällen ein Glaubenssatz, der so nicht stimmt. Boris Burchards nennt das eine irrationale Mussannahme: Dahinter steckt die stille Behauptung, ich müsse all die anderen Dinge tun. Du musst zur Arbeit gehen, wenn du die Konsequenzen des Nichtgehens vermeiden willst. Ein Zwang ist es trotzdem nicht, sondern eine Priorität, die selten laut ausgesprochen wird.

Zugehörigkeit und Status werden teurer. Wer im Haus die Rolle wechselt, verliert das Team, in dem er zehn Jahre saß, und die Selbstverständlichkeit, mit der er dort gefragt wurde.

Am teuersten ist das Selbstbild. Wer eine neue Aufgabe übernimmt, kann sie am Anfang noch nicht. Fachlich ist das unproblematisch, dafür gibt es Einarbeitung und Gespräche mit der Führungskraft. Boris Burchards sagt dazu klar: Das System ist an dieser Stelle nicht das Problem, das Selbstbild ist es. Peter Gneuss beschreibt genau das an seinem Ausstieg als Marineoffizier. Der Satz "ich bin Marineoffizier" hatte jahrelang die Frage beantwortet, wer er ist. Bis er es nicht mehr tat.

Die Rechnung wird erst vollständig, wenn die andere Seite danebenliegt. Der Preis fürs Bleiben fühlt sich nach nichts an, weil er wie eine Ratenabbuchung läuft. Kleine Beträge, die kaum auffallen. Bezahlt wird er trotzdem.

Was das praktisch bedeutet

  • Trenne einmal bewusst zwischen dem, was du im Haus beeinflussen kannst, und dem, was zu groß ist. Beim Zweiten hört das Aufreiben auf, beim Ersten fängt die Arbeit an.
  • Formuliere um: "Ich bin gerade wütend" statt "das macht mich wütend". Das klingt nach Wortklauberei und verschiebt trotzdem, wer in der Situation handelt.
  • Rechne beide Preise durch, bevor du dich gegen einen Schritt entscheidest. Was kostet die Veränderung, und was kostet es dich, in zehn Jahren an derselben Stelle zu sitzen?

Häufige Fragen

Was hilft gegen das Gefühl von Ohnmacht im öffentlichen Dienst?
Der erste Schritt ist die Anerkennung, dass sich große Strukturen nicht kurzfristig umbauen lassen. Danach verlagert sich die Arbeit nach innen, auf eigene Denkmuster, Gewohnheiten und Sprache. Dieser Bereich ist der einzige, in dem du zu hundert Prozent selbst entscheidest.

Was ist die Endstationsillusion?
Die Endstationsillusion beschreibt den Denkfehler, den eigenen jetzigen Zustand für den Endzustand zu halten. Eine Studie von Quoidbach, Gilbert und Wilson aus dem Jahr 2013 mit über 19.000 Befragten zeigt: Menschen jeden Alters berichten von großer Veränderung im Rückblick und erwarten für die Zukunft kaum welche.

Warum fällt Weiterentwicklung in Behörden so schwer?
Weil der Preis in mehreren Währungen anfällt. Neben Zeit kosten Weiterentwicklungsschritte Zugehörigkeit, Status und vor allem das Selbstbild. Eine neue Rolle bedeutet, für eine Weile weniger kompetent zu sein als vorher, und genau das hält viele zurück.

Ist "ich habe keine Zeit" wirklich nur eine Ausrede?
Es ist meist eine unausgesprochene Prioritätsentscheidung. Sobald du sie ausformulierst, also "das ist mir gerade weniger wichtig als das andere", verschwindet der Druck des Hamsterrads und die Entscheidung gehört wieder dir.

Die ganze Folge anhören

Das komplette Gespräch mit Boris Burchards gibt es bei Vor Neun auf YouTube, bei Spotify und bei Apple Podcasts.

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