Dr. Dorothea Wilms arbeitet im Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) im Referat Registermodernisierung und begleitet den Aufbau von NOOTS aus der Informationssicherheits-Perspektive. Das BSI schreibt die technischen Richtlinien, nach denen das System abgesichert wird. Im Ehrenbehörde-Podcast erklärt sie, warum die Aufgabe so groß ist und was sich für Bürgerinnen und Bürger und für die Wirtschaft ändert.
"Größenordnungsmäßig 20.000 Register, in denen die Daten liegen, und die sind halt auch sehr heterogen." Dorothea Wilms
NOOTS steht für "Nationales Once-Only Technical System". "Once-Only" bedeutet "nur einmal" und ist das Leitprinzip dahinter. Wer einen Antrag stellt, soll Nachweise wie Geburtsurkunden, Einkommensbelege oder Meldebescheinigungen nicht jedes Mal neu hochladen müssen. Der Staat hat diese Daten ohnehin schon. NOOTS ist die Infrastruktur, die Onlinedienste mit den staatlichen Registern verbindet, sodass Nachweise direkt aus der Quelle abgerufen werden können.
Aus Bürgerperspektive heißt das konkret: Wenn jemand einen Kindergeldantrag, einen Kita-Antrag oder eine Schuleinführung beantragt, muss die Geburtsurkunde nicht noch einmal eingescannt und hochgeladen werden. Das System holt sie dort, wo sie ohnehin liegt.
"Der Staat hat diese Nachweise selber ausgestellt und jetzt soll ich eben den sozusagen noch mal einscannen und hochladen. Und das ist ja eigentlich total nervig und auch unverständlich." Dorothea Wilms
Die staatliche Datenhaltung in Deutschland ist nicht zentral organisiert. Sie ist über Bund, Länder und Kommunen verteilt und über Jahrzehnte gewachsen. Wilms beschreibt die Spannweite drastisch. Manche Register laufen auf modernen Plattformen, manche bestehen aus Computern, die "beim Bürgermeister unterm Schreibtisch" stehen, und in Einzelfällen gibt es noch analoge Eingabe per Telefon und Ausgabe per Fax.
Diese Heterogenität ist nicht zufällig. Im Papierzeitalter ergab es Sinn, Daten lokal zu halten. Wer in Rostock geboren wurde, hatte seine Geburtsurkunde in Rostock. Eine Zentralisierung hätte gigantische Postwege bedeutet. Mit der Digitalisierung kippt diese Logik. Daten lassen sich heute beliebig schnell abfragen, der Engpass ist nicht mehr die Distanz, sondern die fehlende Kompatibilität zwischen den Systemen.
Eine echte Zentralisierung wird in Deutschland aus politischen Gründen nicht angestrebt. Wilms ordnet das ein: "Wir wollen natürlich in Deutschland keinen Zentralstaat, niemand möchte, dass alle Daten in einem Register liegen und einer auf alles zugreifen kann." Der Föderalismus hat hier seine Funktion als Demokratie-Schutz. NOOTS löst das Problem deshalb anders. Statt die Register zusammenzuziehen, schafft es eine technische Brücke, über die Daten bei Bedarf abgefragt werden, ohne ihre dezentrale Speicherung aufzulösen.
Drei Institutionen arbeiten zusammen:
Wilms beschreibt die Zusammenarbeit als gut funktionierend. "Endlich mal ein System, das eigentlich gut funktioniert, also wo die Zusammenarbeit zwischen uns und dem BVA und der FITKO gut funktioniert. Und das liegt auch im Zeitplan."
Der erste praktische Anwendungsfall läuft seit Januar 2026 in Tübingen. Dort können Bewohner-Parkausweise über NOOTS beantragt werden. Der Anwendungsfall ist bewusst klein gewählt, weil es ein Pilot ist. In den nächsten ein bis zwei Jahren soll der Rollout größer werden, und dann werden Schritt für Schritt weitere Register und Onlinedienste angeschlossen.
NOOTS verändert nicht nur die Bürger-Erfahrung, sondern auch den Arbeitsalltag in der Verwaltung. Heute bedeutet die fragmentierte Lage, dass Mitarbeitende doppelt eingereichte Dokumente abgleichen, Rückfragen stellen und manuelle Übertragungen machen müssen. Wenn NOOTS funktioniert, fällt ein Großteil dieser Arbeit weg. Das frei werdende Zeitbudget kann in das gehen, was Verwaltung an ihren besten Tagen kann: Bürgerinnen und Bürger persönlich beraten, Sonderfälle bearbeiten, Ermessensentscheidungen treffen.
Das gilt besonders für Kommunen. Sie tragen den Großteil der Datenhaltung und sind durch den Personalmangel zugleich am stärksten unter Druck. Eine Verlagerung der technischen Last auf Land und Bund nimmt Druck von genau der Stelle, wo die Lage am angespanntesten ist.
Wenn ihr in einer Kommunal- oder Landesverwaltung arbeitet und euch fragt, was NOOTS konkret heißt, sind drei Punkte relevant:
Was ist der Unterschied zwischen NOOTS und der EUDI-Wallet?
NOOTS ist die Infrastruktur, die Daten aus staatlichen Registern abruft. Die EUDI-Wallet ist eine App, in der Bürgerinnen und Bürger ihre eigenen Nachweise auf dem Handy halten. Beide ergänzen sich. Was nicht über NOOTS abrufbar ist, kann über die Wallet vorgezeigt werden.
Heißt das, alle Daten landen in einem zentralen System?
Nein. NOOTS ist explizit so gebaut, dass es kein Zentralregister gibt. Die Daten bleiben in ihren Quellregistern, NOOTS ruft sie nur bei Bedarf ab.
Wann kann ich als Bürgerin oder Bürger NOOTS nutzen?
Seit Januar 2026 in Tübingen für Bewohner-Parkausweise. In ein bis zwei Jahren soll der bundesweite Rollout deutlich größer werden, mit weiteren Anwendungsfällen.
Was passiert mit Menschen, die nicht digital unterwegs sind?
Das Zielbild sieht vor, dass Kommunen die Vor-Ort-Beratung übernehmen. Wer keinen Onlineantrag stellen will oder kann, geht ins Bürgerbüro. Die Bearbeitung dahinter läuft trotzdem digital.
Den vollständigen Talk mit Dorothea Wilms zu NOOTS gibt es auf YouTube, Spotify und Apple Podcasts.
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